Stacks Image 3

Zum Beispiel über
Frauen auf der Flucht: Gefahren und Schwierigkeiten


Frauen verlassen ihre Herkunftsländer in der Regel allein, mit ihren Kindern oder mit älteren Familienmitgliedern. Seltener reisen sie mit ihren Ehemännern, Brüdern oder Vätern, denn oft wurden die männlichen Verwandten gefangengenommen, getötet oder als Soldaten oder Rebellen rekrutiert.

In vielen anderen Fällen fliehen Frauen und Mädchen gerade vor der Gewalt, die ihnen von männlichen Verwandten angetan oder angedroht wird. Auf der Flucht werden viele Frauen dann (erneut) Opfer von sexueller Gewalt, Belästigung und geschlechtsspezifischer Ausbeutung durch Schlepper, männliche Flüchtende oder auch durch europäische Sicherheitskräfte. Sie sind zudem meist von männlichen Mitreisenden abhängig, womit nicht selten ebenfalls eine finanzielle oder sexuelle Ausbeutung verbunden ist.

Hier zwei Aussagen von syrischen Flüchtlingsfrauen:
«Ohne Mann bist du allen ausgeliefert, du bist Freiwild, eine Flucht ohne Mann ist eine Katastrophe.»
«Du brauchst den Mann nicht nur als Schutzschild gegen jegliche Form von Gewalt, als allein reisende Frau musst du höhere Preise bei den Schleppern zahlen, auch für Essen oder Dienstleistungen unterwegs.»


Oft sind es zudem ausschliesslich Frauen, die sich um die mitreisenden Kinder kümmern. Erfahrungsberichte zeigen, dass es für Frauen, denen auf der Flucht das Geld ausgeht, kaum Möglichkeiten gibt, Geld für die nächste Fluchtetappe oder für den Unterhalt und die Ernährung der Kinder zu verdienen, ohne dabei den eigenen Körper verkaufen zu müssen. Auch in den Flüchtlingslagern ist die Situation prekär. Vor allem kranke und alleinstehende Frauen mit Kindern schaffen den Weg zu den Verteilstellen oft nicht, wo sie Nahrung, Wasser und Hilfsgüter erhalten. Oder ihre Familien zählen nicht als Haushalt, weil ein männliches Familienoberhaupt fehlt und sie somit von der Verteilung ausgeschlossen werden. Sexuelle Übergriffe und geschlechtsspezifische Gewalt gehören auch in den Lagern zur Tagesordnung. So beispielsweise auch in Za'atari (Jordanien), dem zweitgrössten Flüchtlingslager der Welt, das vom UNHCR und der jordanischen Regierung verwaltet wird. Die Sicherheitsprobleme sind massiv: kriminelle Banden kontrollieren Teile des Lagers, zweigen Hilfsgüter ab und begehen straflos Verbrechen worunter ohnehin verletzliche Gruppen ganz besonders leiden. Es herrscht ein allgemeines Klima der Unsicherheit unter dem vor allem verletzliche Gruppen leiden, die nur schwer vor Übergriffen geschützt werden können.
Problematisch ist auch die schlechte Zugänglichkeit der sanitären Anlagen: Frauen scheuen sich davor im Dunkeln auf die Gemeinschaftstoiletten zu gehen, weil sie Angst vor Vergewaltigungen haben.

Seit der Abschaffung des Botschaftsasyls durch die Schweiz im Jahr 2012 haben Frauen und Mädchen keine Möglichkeit mehr, ihr Asylgesuch im Heimatland einzureichen. Dies zwingt sie dazu, eine lange und gefährliche Reise über den See- oder Landweg auf sich zu nehmen. Nur wenige können sich eine Reise per Flugzeug leisten. Einige von ihnen erreichen schlussendlich die Schweiz. Insbesondere der Weg über das Mittelmeer bringt jedoch lebensgefährliche Bedrohungen mit sich.

Hier der Fall von Doaa aus Syrien:

Doaa kannte die Risiken. Am vierten Tag ihrer Flucht in einem alten Fischerboot kam ein verrostetes Boot auf sie zu. Da sich die Passagiere weigerten in das seeuntaugliche Boot zu wechseln rammten die Schlepper ein Loch in das Fischerboot. Innerhalb weniger Minuten kenterte und sank das Boot. Um Doaa herum schwammen hunderte Leichen. Ein Rettungsring bewahrte die Syrerin vor dem Ertrinken.

Oft legen die Familien Geld zusammen, um einen Schlepper bezahlen zu können. In Europa angekommen, befinden sich Frauen und Mädchen jedoch nicht automatisch in Sicherheit. Nicht selten geraten sie in die Fänge von Menschenhändlern.

Hier der Fall von Kezia aus Nigeria:
Kezia wuchs in einem Dorf in Nigeria auf. Im Januar 2009 floh sie mit einem anderen Mädchen und einer Schlepperin nach Mailand. Dort wurden die beiden jungen Nigerianerinnen zur Prostitution gezwungen. Es wurde ihnen gesagt, dass sie 70'000 Euro abzahlen müssen, andernfalls würden ihre Familien umgebracht. Zwei Monate später konnte Kezia fliehen und lebte vorübergehend auf der Strasse, wo sie vergewaltigt wurde. Kezia erfuhr, dass ihre Mutter bedroht und geschlagen wurde und dass sie nun für ihre Tochter das Geld auftreiben müsse. Ein anderes Mädchen, das fliehen konnte, wurde mit 27 Messerstichen nackt auf der Strasse gefunden. Kezia fürchtete nun noch mehr um ihr Leben, verliess Italien und floh in die Schweiz, wo sie ein Asylgesuch stellte.

Nicht nur die Situation im Herkunftsland, sondern auch die Erfahrungen auf der Flucht sind für viele Frauen traumatisierend. Das schweizerische Asylverfahren trägt diesem Umstand aber nur ungenügend Rechnung. In Kezias Fall müsste die Spezialklausel des Dublin-Abkommens zum Zuge kommen und ihr Gesuch müsste in der Schweiz behandelt werden.

Deshalb stellen wir an alle Beteiligten im Asylwesen folgende Forderungen:

  • Die Situation in den Nothilfestrukturen ist unmenschlich und muss dringend an die Bedürfnisse von Frauen und Kindern angepasst werden.
  • Die Schweizer Behörden müssen im Rahmen des Dublin-Abkommens vermehrt besonders verletzliche Personen erkennen und auf ihr Asylgesuch eintreten.
  • Das Botschaftsasyl für besonders verletzliche Gruppen muss wieder eingeführt werden.
  • Gewalterfahrungen und Traumatisierungen von weiblichen Asylsuchenden müssen im Asylverfahren berücksichtigt werden.

Wenn asylsuchenden Mädchen und Frauen Gewalt geschieht:
Sprechen wir darüber!


Zurück zur Übersicht