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Zum Beispiel über
Frauenspezifische Fluchtgründe


Weltweit sind über 60 Millionen Menschen auf der Flucht, nur ein Bruchteil von ihnen gelangt bis Europa. Von den ca. 39 000 Asylgesuchen, die 2015 in der Schweiz eingereicht wurden, sind etwa 30% Frauen, 5% davon wiederum sind unbegleitete minderjährige Mädchen.

Die Gründe, warum Frauen und Mädchen ihre Herkunftsländer verlassen, sind sehr unterschiedlich. Einige fliehen vor Kriegssituationen oder weil sie aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt werden. Andere begeben sich auf die Flucht, weil sie Opfer von Zwangsheiraten, genitalen Verstümmelungen, sexueller oder häuslicher Gewalt, Witwenverbrennung oder geschlechtsspezifischer Ausbeutung (Menschenhandel) wurden oder weil sie befürchten, Opfer einer solchen Misshandlung zu werden. Wieder anderen bleibt der Zugang zu Nahrung und Boden verwehrt oder sie werden aufgrund der gesellschaftlichen Position der Frau im Herkunftsland aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

In vielen bewaffneten Konflikten werden systematische Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen zudem als Kriegstaktik benutzt. Mit anderen Worten: Frauen und Mädchen fliehen, weil ihre grundlegendsten Rechte missachtet werden.

So auch im Fall von Eden:
Eden ist ein 14-jähriges Mädchen aus Äthiopien. 2012 war sie gezwungen ihr Zuhause zu verlassen, weil sie fürchtete, Opfer einer Zwangsheirat zu werden. Nach dem Tod ihrer älteren Schwester verlangt deren Ehemann von Edens Vater die Mitgift zurück zu erstatten oder seine verstorbene Frau durch ihre jüngere Schwester zu „ersetzen“. Ihr Vater willigt in diesen Handel ein. Eden soll ihren Schwager heiraten, als Ersatz für ihre verstorbene Schwester. Doch die 14-jährige widersetzt sich dieser Forderung und flieht mit ihrer Mutter in eine entfernte Grossstadt. Im Wissen, dass sie gesucht werden, verstecken sich Mutter und Tochter bei einem Freund. Falls ihr Vater sie findet, drohen Eden Vergeltungsmassnahmen, eine Entführung und Vergewaltigungen durch ihren Schwager sowie die Zwangsheirat. Im November 2013 entführt der Vater schliesslich zwei von Edens Brüdern und will sie so erpressen zurückzukommen und sich seinen Forderungen zu fügen. Eden sah sich gezwungen zu fliehen.

Viele weibliche Asylsuchende kommen zurzeit aus Syrien. Einerseits flüchten sie vor der Kriegsgewalt – seit dem Beginn des Konfliktes im Jahr 2011 sind mehr als hunderttausend Menschen ums Leben gekommen – andererseits wollen sie der sexuellen Gewalt entkommen, die zum Kriegsalltag dazugehört. Systematische Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt spielen im Konflikt eine bedeutende Rolle. Sie werden u.a. als Mittel zur Terrorisierung und Bestrafung von Frauen, Männern und Kindern benutzt, die unter Verdacht stehen Kontakte zur Opposition zu pflegen.

Auch in Eritrea, dem Land, dem zahlenmässig wichtigsten Herkunftsland von Asylsuchenden in der Schweiz, ist die Situation für Frauen äusserst prekär. Gewalt gegen Frauen ist nach wie vor ein ungelöstes gesellschaftliches Problem. Während dem Militärdienst, der für Frauen und Männer ab 18 Jahren obligatorisch ist, kommt es regelmässig zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen gegen Frauen. Häusliche Gewalt und Misshandlungen innerhalb der Ehe sind weit verbreitet. Zudem wird die weibliche Genitalverstümmelung noch immer in allen Bevölkerungsschichten praktiziert, obwohl sie seit 2007 verboten ist.

Dies sind nur einige wenige Beispiele für Fluchtgründe von Frauen. Generell kann gesagt werden, dass die Menschenrechtsverletzungen, die Frauen und Mädchen zur Flucht zwingen, häufig geschlechtsspezifisch sind. Das heisst sie werden ihnen deshalb angetan, weil sie Frauen sind und/oder in einer Weise ausgeführt, die sie als Angehörige des weiblichen Geschlechts besonders trifft.

Deshalb stellen wir an alle Beteiligten im Asylwesen folgende Forderungen:

  • Frauenspezifischen Aspekte und kulturelle Hintergründe der Flucht müssen mehr thematisiert werden.
  • Lebensrealitäten von Frauen und Mädchen in ihren Herkunftsländern sind in den Asylentscheid miteinzubeziehen.
  • Frauenspezifische Fluchtgründe müssen anerkannt werden.
  • Asylanträge von Mädchen und Frauen müssen im Rahmen der Spezialklausel des Dublin-Abkommens über besonders gefährdete Gruppen vermehrt in der Schweiz behandelt werden, anstatt die Betroffenen in das Ersteinreiseland zurück zu schicken.

Wenn asylsuchenden Mädchen und Frauen Gewalt geschieht:
Sprechen wir darüber!


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