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Zum Beispiel über
Unterbringung asylsuchender Mädchen und Frauen


Personen, die in der Schweiz um Asyl ersuchen, werden meistens in sogenannten Kollektivunterkünften (Empfangs- und Verfahrenszentren (EVZ); kantonale Durchgangszentren) untergebracht. Dort leben sie, bis zum Entscheid über ihr Gesuch, was zwischen zwei und sechs Monaten dauern kann.

In dieser Zeit leben Frauen, Männer und Familien auf engstem Raum zusammen, was oft – vor allem für Mädchen und Frauen – zu unangenehmen Einschränkungen ihrer Privatsphäre führt. Immer wieder berichten weibliche Asylsuchende von Belästigungen oder von einem gewaltbeherrschten und räumlich oft sehr beengten Umfeld. Familien, alleinstehende Frauen oder alleinstehende Männer werden in getrennten Zimmern untergebracht. Aber der Weg zur Toilette oder zu den Duschen ist gemeinsam. Vor allem nachts kann dieser Weg zu den gemeinsamen Toiletten oder Duschen für Mädchen und Frauen mit grosser Angst belastet sein, da sie Belästigungen und Übergriffe ausgesetzt sein können.

Für Mädchen oder Frauen, die in ihrem Herkunftsland Opfer von sexueller oder häuslicher Gewalt waren oder sexuell ausgebeutet wurden, kann diese enge räumliche Unterbringung zu grosser Unsicherheit führen. Es gibt Frauen, die sich deshalb in ihr Zimmer zurückziehen und es - vor allem auch nachts für den Gang zur Toilette - kaum mehr zu verlassen wagen. Auch gibt es in den meisten Zentren keine separaten (Aufenthalts)Räume für Frauen, die sie aber dringend bräuchten, um sich untereinander vernetzen, ungestört austauschen und unbeobachtet bewegen zu können.

Oft kommt es vor, dass männliche Betreuungspersonen die Zimmer von Mädchen und Frauen nach kurzem Anklopfen und ohne Abwarten einer Antwort mit einem Generalschlüssel betreten. Dieses Verhalten kann die Angst und Verunsicherung der Mädchen und Frauen zusätzlich vergrössern und die Situation für die Betroffenen ins Unerträgliche steigern.

In den meisten Zentren gibt es keine speziellen Betreuungspersonen für die Asylsuchenden, sondern die Mitarbeitenden müssen diese Funktion zusätzlich zu ihrer grossen Arbeitsbelastung ausfüllen. Damit fehlt es zumeist an Zeit, ein Vertrauensverhältnis zu den asylsuchenden Mädchen und Frauen aufzubauen.

Viele von ihnen sind durch die Flucht gesundheitlich und psychisch angeschlagen, viele haben in ihrem Heimatland und auf der Flucht schwere Traumatisierungen erleiden müssen. Wenn die Mädchen und Frauen sich in sich zurückziehen und ihre Probleme unerkannt und unbehandelt bleiben, kann das schwerwiegende Folgen für den weiteren Verlauf ihres Lebens haben. Erlittene Traumatisierungen, gesundheitliche und psychische Probleme asylsuchende Frauen müssen frühzeitig erfasst und behandelt werden, sonst drohen Suizidversuche und/oder eine weitere Verschlechterung und Chronifizierung ihres gesundheitlichen oder psychischen Leidens.

Eine psychologisch geschulte Ansprech- und Betreuungsperson in den Durchgangszentren ist ein absolutes Muss, damit solche Fälle rasch erkannt und die Frauen entsprechend behandelt werden können. Dies würde nicht nur eine unnötige Vergrösserung des Leidens der Betroffenen verhindern. Es würde auch die Kosten für den Staat reduzieren, denn die Folgekosten, die durch unbehandelte Traumata entstehen, sind in der Regel erheblich höher. Grundsätzlich werden in allen Durchgangszentren Sprachkurse angeboten. Problematisch ist aber, dass viele asylsuchende Frauen nicht an diesen Sprachkursen teilnehmen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen fehlt oft eine Kinderbetreuung für die Zeit, die die Frauen im Sprachkurs verbringen würden. Zum anderen sind die Kurse oft von Männern überfüllt, was viele Frauen aufgrund ihrer Erziehung und Kultur davon abhält sich für diese Kurse einzuschreiben. Dieser Umstand führt später zu Schwierigkeiten bei der Integration in die schweizerische Gesellschaft und ins Berufsleben.

Die von den Zentren angebotenen Beschäftigungsmöglichkeiten in der gemeinnützigen Arbeit (z.B. Aufräum- und Forstarbeiten, Seeuferreinigungen, Waldpflegearbeiten) sind ebenfalls meist auf Männer ausgerichtet. Auch hier werden die spezifischen Bedürfnisse von Mädchen und Frauen kaum berücksichtigt, was eine weitere Benachteiligung und Einschränkung für sie bedeutet.
Zahlreichen Einschränkungen, nicht Erkennen und nicht Eingehen auf ihre spezifischen Bedürfnisse, das Fokussieren auf männliche Asylsuchende, sind Formen von Gewalt an asylsuchenden Mädchen und Frauen.

Diese Gewalt muss erkannt und über sie muss gesprochen werden. Es darf nicht sein, dass sie unbemerkt hingenommen oder unverändert weitergeführt wird.

Deshalb stellen wir an alle Beteiligten im Asylwesen folgende Forderungen:

  • Die besondere Situation von Mädchen und Frauen in der Nothilfe muss erkannt und berücksichtigt werden
  • Die Abläufe und Strukturen in den Nothilfezentren müssen für Frauen und Mädchen angepasst werden
  • Die Administrativhaft darf unter keinen Umständen zu neuen Traumatisierungen der Mädchen und Frauen führen
  • Die besonders verletzliche Situation von Müttern mit Kindern muss bei der Ausschaffung berücksichtigt werden

Wenn asylsuchenden Mädchen und Frauen Gewalt geschieht:
Sprechen wir darüber!


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